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Aktuelles von Dr. Seick Kultur- und Gartenreisen


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Artikel Seick: RESILIENZ

Carsten Seick

RESILIENZ*

ODER

Was mir als Reiseveranstalter hilft zu überleben und eine Strategie für den Wiederaufbau meiner Firma zu entwickeln

In der Natur sind bereits die Antworten gegeben, man muss sie nur zu lesen wissen.

Im Garten Inverewe, an der wettergepeinigten Nordwestküste Schottlands, wächst ein Baum. Sein Standort ist nahe dem ehemaligen Herrenhaus, dort, wo aus der Rückwand des zerstörten Palastes das neue Wohnhaus des Obergärtners gebaut wurde. Es ist ein stattlicher Baum, ein Trichterfrucht-Eucalyptus (Eucalyptus coccifera). Mit Stolz wird er den Besuchern gezeigt. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass sich der Stamm des Baumes etliche Meter über den Boden schiebt, bevor er eine 90-Grad-Krümmung macht und nach oben wächst und dann eine beeindruckende Krone entwickelt, die den dahinter liegenden Gartenteil vor den Seewinden schützt. Dieser Baum wurde beim großen Sturm von 2005 umgeworfen.

Damals sind dem Garten etliche Bäume verloren gegangen. Sie wurden entwurzelt und starben dann ab. Doch andere Bäume spürten den Sturm kaum, da sie sich mit dem Wind bogen. Dann gab es aber auch Bäume, die in einer Senke oder im Windschatten eines Hügels wuchsen. Als die anderen daniederlagen, bekamen sie mehr Licht und konnten umso besser die Kraft aus dem Boden ziehen. Sie wuchsen prächtiger als zuvor. Schließlich gab es auch Bäume, die im Schutz anderer Bäume standen und daher den Sturm einigermaßen überstanden.

Alles das traf auf unseren Eucalyptus nicht zu. Er war stattlich, wuchs an prominenter Stelle und alle schrieben ihm eine lange Lebenserwartung zu. Nun lag er am Boden. Die meisten seiner Wurzeln ragten hilflos in den Himmel. Nur ein paar wenige steckten noch in der Erde. Das reichte nicht zum Überleben.

Aber in Inverewe gab es fähige Gärtner. Schon als der Sturm noch tobte, sägten sie dicke Äste ab, die vom Sturm als Segel genutzt,  den Baum weiter weggerissen hätten, womöglich damit völlig entwurzelt und gar ins Meer getragen hätten. Die Äste wurden zusammengebunden und verschnürt. Der nun durch den Sturz offen dem Sturm preisgegebene Wurzelballen wurde mit Tüchern abgedeckt und vor Erosion und Austrocknung geschützt.

Dann ebbte der Sturm ab, dass Meer wurde ruhig, die Wolken verzogen sich und die Sonne schien wieder. Der erste Schock war überwunden. Die fleißigen Gärtner räumten den Garten auf. Der Eucalyptus lag da. Etwas Leben war noch in ihm. Was tun? Zum Ausgraben und Verpflanzen war er längst viel zu groß. Ihn aufgeben und Feuerholz aus seinem Stamm machen? Dazu war er viel zu kostbar. „Wie wäre es, folgendes zu versuchen“, schlug ein Gärtner vor, und dachte an das Beispiel der großen Lawson-Zypresse, die vor der oberitalienischen Villa Madre stand und einstmals bei einem ähnlichen Sturm umgeweht wurde:  „Sie wurde mit Seilen verschnürt und mit einem Hubschrauber wieder aufgerichtet.“ „Viel zu aufwändig! Viel zu teuer! Wer soll das bezahlen?“, riefen andere. Der Plan wurde verworfen. Also entschied man sich, den Baum an Ort und Stelle zu pflegen. Glücklicherweise war der Eucalyptus auf keine anderen Gehölze, einen Weg oder andere wichtige Gartenstrukturen gestürzt.

Die Äste wurden auf ein Mindestmaß gekappt, um das zu tragende Gewicht für den Stamm zu reduzieren und durch den Wegfall vieler Blätter die Verdunstung zu verringern. Die Wurzeln wurden beschnitten und zu neuem Austrieb angeregt. Frische Erde, vermischt mit gutem Kompost als Dünger, wurde aufgetragen. Der Baum dankte es. Erst trieb er zaghaft wieder aus. Doch schon zwei Jahre später hatte die Krone wieder das Ausmaß erreicht, dass sie vor dem Sturm hatte. Frische Äste trieben zudem aus dem Stamm. Heute steht der Eucalyptus wieder prächtig und gewaltvoll da und ragt in den Himmel auf. Er blüht und ist der Schmuck und der Stolz des Gartens. Ja, erst auf den zweiten Blick sieht man, dass er vor vielen Jahren ein Unglück erlitten hatte. Dafür ist der Stamm aber dicker und stärker als der der ähnlich alten Bäume im Park. Einem erneuten Sturm wird dieser Eucalyptus sicherlich standhalten können.

Es ist viele Jahre her, als mir der Obergärtner Kevin Ball in Inverewe diesen Baum zeigte und mir seine Geschichte erzählte. Das hat mich damals beeindruckt. Vergessen habe ich es bis heute nicht.

Als Reiseveranstalter habe ich mit meinem Unternehmen den Super-GAU erlebt. Durch die Pandemie mit dem Covid19-Virus ist die gesamte Tourismusindustrie zusammengebrochen als wenn ein Sturm über sie hinweggezogen wäre. Dabei wurden etliche Unternehmen umgeblasen, entwurzelt oder gar getötet. Mein kerngesundes und starkes Unternehmen wurde dabei ebenfalls heftigst gebogen und umgeworfen. Doch nicht alle Wurzeln verloren die Bodenhaftung.

Familie, Freunde, Mitarbeiter, gute und vertraute Kunden und weitere Unterstützer helfen, das Unternehmen während der Pandemie am Leben zu halten. Sie und die staatlichen Hilfen tragen dazu bei, dass mein Unternehmen wieder aufwachsen und gestärkt sein wird. Der Lebenswille war und ist zu keiner Zeit beeinträchtigt. Und vielleicht wird auch mein Unternehmen wie der Baum von Inverewe als Beispiel dienen, wie Krisen überwunden werden und diese Kraft für die Zukunft und Schutz vor weiteren Krisen geben kann.

Ich danke allen emsigen Menschen, die sich gewaltigen Aufgaben stellen und bei Schicksalsschlägen und Katastrophen nicht aufgeben.

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*Resilienz (eigentlich: Elastizität, Widerstandskraft)

Hier: das Realisieren von schicksalhaften, häufig katastrophalen Vorgängen in der Natur; das damit Zurechtkommen der Natur verbunden mit der Entwicklung neuer Pläne; und das Übertragen dieser Strategie auf die Verarbeitung und Überwindung menschlicher Schicksalsschläge und erlebter Katastrophen, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht.

Bild: Eucalyptus im Steingarten von Inverewe Garden © Inverewe Garden, zur Verfügung gestellt von Mr. Kevin Ball

Dr. Carsten Seick ist Gartenreiseleiter und Inhaber von Dr. Seick Kultur- und Gartenreisen

 



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